Einige von euch mögen jetzt schon die Augen verdrehen: Schon wieder eine, die ihren Hund nicht im Griff hat. Oder einfach zu weich fürs Leben mit Fellnase ist. Ich gebe zu, der Titel ist reißerisch – und vielleicht auch ein bisschen wahr. Aber keine Sorge, dahinter steckt eine wichtige Erkenntnis.
Heute vor genau einem Jahr wartete ich nervös auf Tobi. Ich kannte ihn nur von Fotos und Videos. Die Vorfreude in den Wochen davor war nervenaufreibend, die Glückseligkeit, als er endlich ankam, grenzenlos. Gefolgt von dezenter Ernüchterung und sogar Überforderung. Das 1. Jahr war ein Auf und Ab der Gefühle.
Die Wahrheit über den Anfang
Tobi traute sich nichts. Gar nichts. Kein Gassi, kein Pipi, kein Kaka draußen. Auch die Wohnung blieb zunächst unerforscht. Er war einfach nur da, kauerte sich in die hinterste Ecke, den Blick gesenkt, als würde er sich unsichtbar machen wollen.
Natürlich habe ich im Vorfeld viele Tipps über den Einzug von Tierschutzhunden und allgemeine Erziehung gelesen. Doch am Ende bin ich meinen eigenen, unorthodoxen Weg gegangen. Meine Priorität war klar: Vertrauen über Erziehung. Ich habe Tobi anfangs verdammt viel durchgehen lassen, um ihm zu zeigen, dass er hier, bei mir sicher ist.
Hätte ich beispielsweise gewartet, bis er sich von selbst körperlich annähert, würde ich vermutlich heute noch dasitzen und warten. Also habe ich ihm aktiv gezeigt, dass Anfassen okay ist.
Und dass das Sofa ein wunderbarer Ort ist. Dass er hier alles darf. Und er weiß mittlerweile: Er darf hier wirklich alles.
Der Moment, als mir klar wurde: Er hat MICH erzogen
Ich war so froh über jeden kleinen Fortschritt. Ich habe mich über die kleinsten Dinge gefreut. Dass er selbstbewusster wurde. Dass er sich mehr traute. Dass er anfing, die Welt zu erkunden. Dass ich dabei völlig vergessen habe, Grenzen zu setzen. Das fiel mir erst auf, als er plötzlich mit 1,5 Jahren mitten in der Pubertät steckte und munter seine Grenzen austestete.
Und wisst ihr was? Ich bin dankbar dafür.
Ein Hund, der Grenzen testet, fühlt sich sicher genug, es zu tun.
Ein ängstlicher Hund würde das nie wagen. Das ist Fortschritt in seiner wildesten, schönsten Form. Ich habe also keinen Fehler gemacht – ich habe nur zugelassen, dass Heilung Zeit braucht.
Und wenn ich jetzt meinen Hund suche, finde ich ihn meist gemütlich in meinem Bett – fast schon als camouflage dog 😉

Das erste Jahr in Meilensteinen
Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Das erste Weihnachten. Das erste Silvester (besser als gedacht). Der erste Urlaub. Die ersten Besuche bei anderen Menschen. Die ersten Besuche in der Stadt. Unser erster Restaurant-Besuch steht immer noch aus.
Mein 100%-Homeoffice-Job hat den Prozess sicherlich geprägt. Von beiden Seiten. Ich bin immer da und verfügbar. Nach stressigen Meetings will ich kuscheln, aber genauso weiß Tobi, dass er mich nur anstupsen muss und ein paar Streicheleinheiten oder Aufmerksamkeit bekommt.
Heute, ein Jahr später, hat Tobi seinen festen Platz. Auf dem Sofa, in meinem Alltag und in meinem Herzen. Feste Routinen haben sich etabliert und er fordert diese konsequent ein. Gassigehen, Fressen, Kuscheln. Er hat seinen festen Platz und er weiß es.
Woran wir noch arbeiten
Wir haben immer noch viele herausfordernde Momente. Das ist okay, wir arbeiten dran. Gerade in unbekannten Gegenden oder bei Besuchen in der Innenstadt ist Tobi schnell überfordert: Es ist enger, es sind mehr Menschen unterwegs, die Geräuschkulisse ist anders.
Hier sind unsere aktuellen Herausforderungen (auch danke an die Pubertät!):
- Artgenossen-Besessenheit: Wir können an kaum einem Hund vorbeigehen, ohne dass Tobi völlig übertrieben Kontakt aufnehmen möchte. Es wird besser, aber wir trainieren weiterhin fleißig an der Impulskontrolle.
- Grundkommandos: Sie sitzen, aber wir müssen sie täglich üben. Tobi testet im Pubertäts-Strudel, wie viel er sich erlauben kann.
- Leinenführigkeit: Hier haben wir noch deutliches Verbesserungspotential. Er ist besonders zu Beginn der Gassigänge häufig zu wild und impulsiv.
- Jagdtrieb und Rückruf: Das ist eine große, neue Baustelle. Ich muss mir genau überlegen, wo ich Tobi ableine. Obwohl der Rückruf nicht zu 100 % sitzt (ich weiß, nicht ratsam), biete ich ihm trotzdem die Möglichkeit, zu rennen. Weil er es liebt und die Freiheit braucht.
Die mysteriösen Fälle: Oma-Gate
Tobi hat eine klare Meinung zu Menschen. Und leider zählen meine Mutter und meine Oma nicht zu seinen Favoriten. Gerade meine Oma sieht er häufig und liebt es, sich in ihrem Garten wie ein richtiger Hund aufzuführen. Aber er traut sich kaum zu ihr hin. Sobald sie sich bewegt, schreckt er zurück und lässt sich nicht anfassen. Ich versuche, immer noch zu erkunden, was zwischen den Beiden passiert ist.
Und neulich erst hat Tobi direkt vor Omas Bett gekackt. In den weitest entfernten Raum. Das passierte, als ich mich gerade mit meiner Oma etwas lauter unterhalten hatte. Ich halte das immer noch für ein Statement und nicht für eine körperliche Schwäche. Am Ende musste ich allerdings die Scheiße wegmachen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Bei Freunden, bei denen ich regelmäßig zu Besuch bin, ist er hingegen der liebste Hund. Nur mit Oma und Mama hat er seine Schwierigkeiten. Kann ich es ihm verdenken …
Trotz dieser Macken – oder gerade deswegen – hat mich dieses Jahr verändert.
Was ich nach einem Jahr gelernt habe
Manchmal frage ich mich, wie Tobi das letzte Jahr beschreiben würde. Ob er das Gefühl hat, es gut getroffen zu haben. Ich habe ihn immerhin aus seinem gewohnten Umfeld gerissen, in einen Van gesteckt und quer durch Europa gefahren. Das war eine Tortour für ihn. Nur weil ich einem Straßenhund ein besseres Leben geben wollte und ich mich ausgerechnet in ihn verguckt hatte.
Es war ein ständiges Auf und Ab. Ich habe geflucht, geliebt, geweint und oft an mir gezweifelt: Schaffe ich das? Will ich das? Doch letztlich bin ich über meine Grenzen gegangen – und unendlich dankbar für den mittlerweile nicht mehr so kleinen Kerl in meinem Leben.
Die wichtigsten Lektionen, die mir mein Rumäne beigebracht hat:
- Ich habe diesen Hund gebraucht, um zu lernen, dass Heilung Zeit braucht.
- Es ist okay, nicht immer okay zu sein, oder auch unsicher oder überfordert.
- Manchmal reicht es, nur zu existieren und das bare minimum zu tun.
- Und dass es wichtig ist, Grenzen zu setzen und neben Streicheleinheiten auch seine anderen Bedürfnisse einzufordern.
Mein Rumäne hat mir das Herz gestohlen – und mir gezeigt, dass Liebe manchmal leise anfängt. Mit Geduld. Und einem skeptischen Blick aus braunen Augen. Auf ein weiteres Jahr voller Chaos, Lernen und Lachen.
Dies war der erste Einblick in mein Leben mit einem Tierschutzhund. Es wird nicht perfekt sein – genau wie unser gemeinsamer Weg. Aber es wird immer ehrlich sein.
Und jetzt du: Was war dein schönster oder schwierigster Moment im ersten Jahr? Ich freue mich auf deine Geschichte in den Kommentaren! 👇
