In den letzten Monaten habe ich mich auffällig oft mit Hundemenschen unterhalten, die eine Hündin haben. Und gefühlt war Thema Nummer eins auf der Hundewiese immer dasselbe: Die Läufigkeit.
Und die Geschichten dazu klingen jedes Mal ähnlich, aber die Ausprägungen könnten unterschiedlicher kaum sein. Die eine Hündin mutiert plötzlich zur unberechenbaren Zicke, ist völlig drüber, will ständig raus, bringt alle auf Trab und lässt sich mit nichts beruhigen. Die andere macht das genaue Gegenteil. Sie wird zur absoluten Schlaftablette, frisst kaum noch, liegt lethargisch im Körbchen und ist für nichts zu begeistern. Manchmal nicht nur während der eigentlichen Läufigkeit, sondern noch Wochen danach. Dazu kommen bei manchen Milchbildung, Unruhe und gelegentlich sogar Scheinschwangerschaften mit Nestbau.
Das Faszinierende daran ist die Reaktion der Umwelt. Wenn das Thema auf die Hündin kommt, geht ein spürbarer Ruck durch die Runde. Alle sind voller Verständnis und Mitgefühl:
- „Ach, die arme Maus, die Hormone machen ihr gerade richtig zu schaffen.“
- „Wir gehen heute nur eine Minirunde, sie braucht einfach Ruhe.“
- „Lass sie einfach liegen, sie kann gerade nicht anders.“
Niemand käme auf die Idee, der Hündin zu sagen, sie solle sich mal zusammenreißen oder sich nicht so anstellen.
Was passiert eigentlich während der Läufigkeit
Der Zyklus einer Hündin dauert im Schnitt fünf bis sieben Monate von Beginn bis zum nächsten Beginn, abhängig von Rasse und Größe. Grob zusammengefasst, lässt sich das hormonelle Programm der Hündin in drei Abschnitte unterteilen:
- Die Vorbereitung: Am Anfang fängt die Hündin an zu bluten. Aber überraschenderweise ist die Hündin in dieser Phase noch gar nicht empfänglich. Sie riecht für Rüden zwar schon wie ein Hauptgewinn, beißt sie aber oft noch energisch weg, wenn sie ihr zu nahe kommen. Sie ist unruhig, zickig oder spürbar gestresst.
- Die heiße Phase: Erst nach ein paar Tagen verfärbt sich der Ausfluss heller und jetzt wird es ernst. Die Hündin ist wirklich fruchtbar, bleibt vor Rüden stehen und flirtet aktiv. Hier schlägt das Verhalten oft um. Manche werden extrem anhänglich, andere wirken völlig überdreht oder wie durch den Wind.
- Der Ausklang und die Schein-Mutterfreuden: Nach etwa zwei bis drei Wochen ist die eigentliche Läufigkeit vorbei. Man denkt, jetzt ist Ruhe. Aber der Körper des Hundes weiß das oft nicht. Hormonell läuft bei der Hündin nach der Läufigkeit nämlich fast dasselbe Programm ab, egal ob sie gedeckt wurde oder nicht. Deshalb verfällt der Körper etwa zwei bis drei Monate nach der Läufigkeit oft in eine Scheinschwangerschaft. Die Hündin glaubt in diesem Moment wirklich, sie bekommt Welpen.
Die Bandbreite an Verhaltensänderungen – von Aggressivität über Anhänglichkeit bis zur totalen Antriebslosigkeit – lässt sich direkt auf dieses Wechselspiel aus Östrogen und Progesteron zurückführen. Läufigkeit ist keine Charakterfrage, sondern Biochemie.
Moment mal. Das kommt mir bekannt vor.
Wir menschlichen Weibchen haben dieses Hormonkarussell auch. Und nicht nur ein- oder zweimal im Jahr, sondern jeden einzelnen Monat. Und auch hier lohnt sich ein unaufgeregter Blick wie sich diese Phasen im echten Leben eigentlich anfühlen:
- Die Menstruation: Wir bluten und der Körper arbeitet auf Hochtouren. Viele haben Krämpfe, Rückenschmerzen, sind müde, ziehen sich gerne zurück und haben Heißhunger auf Schokolade oder gar keinen Appetit.
- Die Anlaufphase: Die Blutung lässt nach und der Körper schüttet wieder Energie aus. Plötzlich fühlt man sich fit und motiviert. Man kriegt Dinge gebacken, die Tage zuvor noch wie ein Berg erschienen. Und die Haut strahlt.
- Der Eisprung: Das ist der absolute Energie-Peak. Wir fühlen uns gut, haben Selbstbewusstsein, Lust auf Gesellschaft und Flirten. Der Körper signalisiert auf allen Kanälen volle Einsatzbereitschaft.
- Die Phase davor: Das ist das Äquivalent zur Hunde-Zickigkeit. Das Energie-Level fällt steil ab. Man ist schneller gereizt, wegen Kleinigkeiten nah am Wasser gebaut, fühlt sich aufgedunsen, erschöpft und verletzlich.
And als wäre das monatliche Achterbahn nicht schon genug, fängt ab Mitte 40 die Perimenopause an. Da beginnt der Körper, die Hormone unregelmäßig und chaotisch auszuschütten, mal zu viel und mal zu wenig. Das Ergebnis ist ein monatliches Auf und Ab, das unberechenbarer und wilder wird und sich schleichend über Jahre hinwegzieht. Und Frau sich auch über sich selbst wundert.
Zwei Spezies, dieselbe Biochemie – aber zweierlei Maß
Ob Hündin oder Frau, wenn die Hormone Achterbahn fahren, fahren die Emotionen, die Psyche und der Körper mit. Hinter der Gereiztheit der Hündin steckt genauso wenig ein schlechter Charakter wie hinter der Erschöpfung einer Frau. Es sind dieselben Botenstoffe, die das Gehirn und die Stimmung kapern.
Der Unterschied liegt einzig und allein in der Reaktion unserer Gesellschaft.
Während Hundebesitzer und auffällig oft auch Männer haargenau wissen, in welcher Phase ihre Hündin gerade steckt, Rücksicht nehmen, den Alltag anpassen und bei Unruhe mit Schonkost bereitstehen, sieht das bei der Frau ganz anders aus.
Da wird selten genauer hingeschaut. Wenn eine Frau erschöpft ist, gereizt reagiert oder wegen Hormonschwankungen einfach mal einen Gang zurückschalten muss, heißt es schnell, sie sei wieder zickig. Oder kurz und schmerzlos: „Stell dich nicht so an.“ Nicht selten kommt dieser Druck sogar von anderen Frauen, die gelernt haben, dass man da eben durchkrampfen und zu funktionieren hat.
Verständnis und Rücksicht für den Vierbeiner gibt es zu 100 Prozent. Geduld und Empathie für die Partnerin, die Kollegin oder sich selbst bleiben dagegen oft auf der Strecke.
Ein Plädoyer für ein bisschen mehr „Hündinnen-Bonus“
Ich finde diesen Unterschied faszinierend und ehrlich gesagt auch traurig. Wir haben kein Problem damit, für ein Tier tiefes biochemisches Verständnis aufzubringen. Wir akzeptieren, dass die Hündin ruhiger werden darf, wenn ihr Körper es fordert. Aber von uns Frauen erwarten wir, dass wir strammstehen, uns bloß nichts anmerken lassen und den normalen Wahnsinn einfach durchziehen.
Ich wünsche mir, dass wir uns irgendwann mit genau derselben Selbstverständlichkeit begegnen wie einer läufigen Hündin, also mit Wissen über die Phasen, mit Nachsicht und mit Raum zum Durchatmen.
Vielleicht sollten wir Frauen anfangen, uns ein Beispiel an den Hündinnen zu nehmen. Wenn der Körper nach Pause schreit, legen wir uns hin, ganz ohne schlechtes Gewissen und ohne Rechtfertigung.
Ich weiß, das war heute ein etwas ungewöhnlicher Beitrag für diesen Blog. Aber nachdem ich das Thema in den letzten Monaten so auffällig oft auf der Hundewiese beobachtet habe und selbst mitten im eigenen Hormonchaos stecke, musste das einfach mal raus. Danke fürs Mitlesen, Durchhalten und Reflektieren! Ab dem nächsten Beitrag dreht sich hier natürlich wieder alles ganz klassisch um unsere Vierbeiner und das Tierschutz-Leben.
